Selbstbesteuerungsgruppe Bischof Kräutler

Bedrohung

In einem ausführlichen Interview erzählt Bischof Kräutler von den Ereignissen der letzten Jahre und den persönlichen Bedrohungen, die bis heute anhalten:

Am 19. Juni 2006 war eine Demo der Kraftwerksbefürworter [Kraftwerk belo Monte]. Das ist ziemlich groß aufgezogen worden. Das waren Geschäftsleute, Großgrundbesitzer, die alle unheimlich Geld zu verdienen hätten mit dem geplanten Kraftwerk. Fleisch am Spieß haben sie versprochen und die Leute so angelockt. Die haben das gestaltet wie eine Kirmes. Und Leute, die an und für sich gar nicht gewusst haben, worum es geht, sind da natürlich gegangen. Und die haben das ausgenützt und von der Tribüne herunter ziemlich scharf gewettert. Zum Beispiel hat einer gerufen: «Es ist Krieg, und wir müssen das durchkämpfen! » Ein anderer hat gerufen: «Wir müssen die Gummiknüppel sausen lassen!» Und das heißt in Brasilien etwas mehr als Gummiknüppel.

Ich war gar nicht in Altamira; aber die Polizei hatte das praktisch schon vernommen und gesagt: Wir müssen das Haus schützen, wo der Bischof ist, denn das könnte zu Ausschreitungen kommen. Das ist aber nicht passiert. Und dann hat man zu mir gesagt, ich solle an bestimmten Tagen nicht nach Altamira kommen, weil das gefährlich werden könnte. Da habe ich gesagt: «Auf keinen Fall. Auf keinen Fall ändere ich meine Agenda. Denn sonst bin ich irgendwann handlungsunfähig. Das geht nicht.»

Am gleichen Tag bin ich wie vorgesehen angekommen. Ich bin aus dem Flugzeug ausgestiegen. Es waren viele Leute am Flughafen, eine Bewegung. Ich bin erschrocken und habe gedacht: Hoppla.

Ich bin vom Flugzeug abgeholt worden, die Leute haben mir die Hand gegeben und gesagt «schön, dass du wieder da bist» und so weiter. Und da habe ich gefragt: «Was ist denn da los?» Da haben sie nicht geantwortet. Aber der Mann, der mich empfangen hat, hat gelächelt, und da war ich ein bisschen beruhigt. Ich dachte, wenn der lächelt... Und dann waren es Leute, die mich herzlich empfangen haben, also nicht die von der Gegenseite. Sie haben die Utopia gesungen – das ist dieses berühmte Lied –, sie wollten einfach zeigen, dass sie auf meiner Seite sind.

Dann ist plötzlich, eines abends um 10 Uhr, ein Polizeikommissär mit zwei Polizisten gekommen, und sie haben mir gesagt, ich stünde unter Polizeischutz. Sie waren in Uniform. Der Polizeikommissär hat gesagt, sie wollen schauen, wie es bei uns im Haus aussieht, wo Schwachstellen sind, wo die Möglichkeit besteht, dass ein Überfall passiert. So hat man genau alle Zimmer und das Büro zeigen müssen. Auch die Gänge und alles hat er angeschaut. Ich habe dann gesagt, ich sei nicht dafür: «Ich brauche das nicht, ich glaube nicht daran, und ich bin nicht dafür, dass das so läuft.» Da sagte er, er möchte mir schon nahe legen, dass ich nicht darauf verzichten soll. Das sei eine Angelegenheit vom Staat, und der Staat fühlt sich verantwortlich für die physische Integrität des Bischofs, und ich soll das nicht ausschlagen, sondern meine Zustimmung dazu geben. Das sei eine vorläufige Entscheidung, und Brasilien wenn es ruhiger würde, höre das sowieso auf. Er hat mir das nicht nur angeraten, sondern er hat mich praktisch verpflichtet, das zu akzeptieren. Er hat auch mit dem Fall von Dorothy Stang argumentiert: «Die war auch bedroht, man hat nicht daran geglaubt, aber sie ist tot.»

Ich habe mir dann ausbedungen, dass sie nicht in Uniform da sind. Und das haben sie dann akzeptiert. Sie waren bewaffnet, aber in Zivil: Das Hemd über der Waffe, die sie am Gurt tragen. Und das ist dann ein paar Monate lang so gegangen. Im August bin ich dann ins Hinterland gereist, und ich sagte: «Das ist absolut ruhig dort, da hört man nichts.» Sie waren einverstanden und haben sich zurückgezogen. Als ich wieder zurückkam, waren sie wieder da.

Bis dann im Oktober 2006 das Pamphlet (eine Hetzschrift gegen die Person von Bischof Erwin, Anm. d. Red.) auftauchte. Es war ziemlich grausam. Da haben sie mich total fertigmachen wollen. Ich war am Oberlauf des Xingu; meine Mitarbeiter haben mir das per Fax geschickt. Das war sehr hart. Aber ich habe dem eigentlich gar keinen Wert beigemessen. Ich habe gedacht: Das geht auch vorbei. Aber plötzlich ist die Polizei mit Blaulicht gekommen. Die Polizisten sind in die Kirche gelaufen und haben gefragt, wo der Bischof ist. Die Leute, die da zufällig in der Kirche waren, sind erschrocken, dass der Bischof von der Polizei gesucht wird.

Ich kannte sie nicht; es waren Polizisten von auswärts. Sie fragten mich, ob ich der Bischof sei. Und wie lange ich hier noch bliebe. Ich sagte: «Heute Nachmittag fliege ich nach Belém.» Sie sagten: «Sie stehen unter Polizeischutz.»

Sie begleiteten mich dann in Uniform bis zum Flughafen, bis ich im Flieger gesessen habe. Und zu meiner größten Überraschung wurde ich, als ich in Belém ankam, von einer Polizeieinheit – also nicht nur von einem oder zwei – empfangen und begleitet. Und dort, wo ich übernachtet habe, war das Haus von der Polizei umstellt. Seit Mitte Oktober 2006 habe ich ununterbrochen Polizeischutz.

Im Zusammenhang mit dem Pamphlet ist etwas noch Ärgeres gekommen, nämlich eine Meldung einer virtuellen Gemeinschaft im Internet. Da steht drin: Der Bischof überlebt den 29. Dezember 2006 nicht. Da habe ich auch gesagt: Das geht vorüber, das ist alles nur Psychoterror, am besten, man redet nicht darüber. Am 22. Dezember habe ich den Preis für die Verteidigung der Menschenrechte und der Mitwelt Amazoniens von der Anwaltskammer des Bundesstaates Parà bekommen. Und da ist die Sache mit dem Internet plötzlich publik geworden.

Je näher der 29. Dezember gekommen ist, desto spannender wurde es.

 

Hast du Angst gehabt?

 

Nein, Angst ist nicht das richtige Wort. Ich habe mich der ganzen Geschichte gestellt, aber so, dass ich da gezittert hätte – wirklich nicht.

Ich bin zum unteren Xingu gefahren. Die Polizisten habe ich in einer Hafenstadt verabschiedet, 45 km von Altamira entfernt. Und ich habe zu ihnen gesagt: «Hört, jetzt kommt Weihnachten. Geht heim zu Frau und Kindern, da passiert sicher nichts. Ich bin unterwegs mit dem Schiff, und in einer anderen Stadt.» So habe ich sie abgeschüttelt, und der Kommissär hat das akzeptiert. Ich bin hinuntergefahren, und das erste Mal war ich wieder «frei». Ich bin in der Stadt herumgelaufen, kein Mensch neben mir und vor mir und hinter mir! Ich habe das genossen.

Bis ich dann am 26. Dezember abends in Gurupà angekommen bin. Da ist über das staatliche Fernsehen die Meldung gekommen, dass der Bischof vom Xingu mit dem Tode bedroht ist, und zwar, dass man über Internet bekannt gegeben hat, dass er den 29. Dezember nicht überlebt. Die Leute in der Stadt sind alle von den Socken gewesen.

 

Warum war das Fernsehen so blöd, das im ganzen Land auszustrahlen?

 

Das Fernsehen braucht Meldungen. Das gehört eben zum Fernsehen dazu.

Also, das war schon am Amazonas, nördlich der Mündung des Xingu, und da ist jedes Jahr am 27. Dezember das Fest des Heiligen Benedikt, und das bringt Tausende und Abertausende von Leuten zusammen, aus der ganzen Umgebung. Und ich war jedes Mal da, weil es einfach dazugehört. Ich habe dann eine Feldmesse, da ist eine große Prozession, und man erwartet vom Bischof, dass er auch dabei ist. Und ich bin jedes Mal gegangen.

Nur: Aufgrund dieser Meldung ist die Polizei massiv aufgetreten. Die Polizisten sind mit geflogen in dieses Städtchen, und ich habe sieben Polizisten neben mir gehabt, nicht nur mit einem Revolver, sondern mit MG und allem, was dazugehört, mit dem ganzen Kriegsapparat, den sie da haben für solche Angelegenheiten. Sie haben mir auch verboten, dass ich die Feldmesse zelebriere. Da habe ich gesagt: «Das akzeptiere ich absolut nicht.» Denn dazu sei ich gekommen, und ich ließe mich nicht einschüchtern. Das Volk würde es außerdem nicht verstehen. Die Leute haben gewusst, dass ich komme. Das kann ich nicht machen.

Dann haben sie gesagt: «Gut wenn Sie darauf beharren, dann aber nur, wenn Sie eine kugelsichere Weste anziehen. » Ich habe sie unter das Messgewand gezogen. Während der Messe war es eine grauenhafte Angelegenheit: Polizisten mit der Waffe neben dem Altar, und die Leute sind erschrocken. Sie haben es hinterher erfahren.

 

Die MG’s hat man also gesehen?

 

Ja, sicher. Ostentativ. Und alle hatten Uniform. Sie waren von der «taktischen Polizei», das ist eine Spezialeinheit. Als ich aus der Kirche ging, war ich umzingelt. Die Leute sind kaum an mich herangekommen, und sie haben es natürlich nicht akzeptiert, dass ich ihnen die Hand nicht gebe, denn das ist immer so, dass die Leute kommen, einem die Hand geben, einen umarmen. Jetzt kannst du dir vorstellen, wie das ausgesehen hat: Die Leute kommen her und umarmen den Bischof, und daneben ist einer mit dem Gewehr im Anschlag!

Die Polizisten sind dann mit mir zurückgefahren bis Altamira, dann ist es wieder ruhiger gewesen, und der Polizeischutz wurde auf zwei reduziert. Also zwei Schichten zu je zwei Mann, Schichtwechsel ist um 8 Uhr morgens und um 8 Uhr abends. So war das bis im Februar dieses Jahres. Im Februar – ich hatte gedacht, jetzt sei alles vorbei – ist eine neue Meldung gekommen: Ein Polizist – es war sogar einer, der bei mir Wache geschoben hat vor etwa einem Jahr – hat ein Gespräch von zwei Typen verfolgt. In diesem Gespräch wird ausgemacht, dass man den Bischof von Altamira umbringt. Der Kopfpreis ist eine Million Reais; das entspricht 380 000 Euro. Das ist ziemlich hoch.

Ich habe eine Kopie der Aussage, die er vor seinem Polizeivorgesetzten gemacht hat, bekommen. Ich bin dann mit der Kopie zur Bundespolizei, die da zuständig ist für solche Sachen. Und der Prozess läuft. Die haben natürlich geschlafen; man hätte von den beiden ein Phantombild machen sollen, und das kann man natürlich einen Monat später nicht mehr machen. Die Spuren sind wahrscheinlich auch wieder im Sand verlaufen. Ich erwarte mir da absolut nichts, dass sie da fündig werden. Und nun besteht der Polizeischutz aus sechs statt aus vier Mann, also drei plus drei.

In der Woche nach Ostern – wir haben da immer unsere Priesterratssitzung und unsere Pastoralratssitzung – hat am Donnerstagnachmittag die Richterin von Altamira einen Telefonanruf bekommen, der Bischof von Altamira sei soeben exekutiert worden. Sie hat sofort die Polizei benachrichtigt, und die Polizeiautos sind hergefahren, zur Kathedrale, und ich habe im Büro gesessen und einen Vortrag vorbereitet. Und jetzt weiß ich auch nicht, was da weitergegangen ist. Heutzutage ist es ja eigentlich einfach, herauszufinden, woher ein Telefonanruf kommt. Doch das ist jetzt in den Händen der Bundespolizei, und ich bin der Geschichte nicht mehr nachgegangen.

Die Situation ist jedenfalls die, dass ich rund um die Uhr bewacht werde und in meiner Freiheit zu gehen und zu kommen sehr eingeschränkt bin. Du bist nur noch frei im eigenen Zimmer und im Büro. Sonst ist jeder Schritt über die Schwelle begleitet. Du hast einen davor, einen daneben und einen dahinter. Im Auto, wenn ich selbst fahre, sitzt einer neben mir und zwei sind hinten. Und wenn ein anderer fährt, sind drei hinten. Das Auto muss viertürig sein, denn die Polizisten müssen die ersten sein, die herausspringen.

 

Das vollständige Interview können Sie lesen auf: http://www.offenekirche.li/fileadmin/fenster/2008-2.pdf

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