Handelsdelegierter attackiert Bischof Kräutler

 

20.12.2009, 11.00 Uhr

Auf der Homepage der WKO beklagt Dr. Ingomar Lochschmidt, Delegierter der österreichischen Außenhandelsstelle São Paulo, die Verzögerung des Baus des Großkraftwerks Belo Monte in Brasilien und macht als Ursache für diese Verzögerungen Bischof Erwin Kräutler aus: http://portal.wko.at:80/wk/format_detail.wk?AngID=1&StID=518769&DstID=646

                      

Bischof Kräutler engagiert sich gegen diesen gigantomanischen Bau, weil dadurch riesige Flächen an Regenwald zerstört werden und damit die Wohngebiete der indianischen Urbevölkerung. Gleichzeitig ist mit katastrophalen ökologischen Folgen zu rechnen. Zudem seien zunehmend auch Experten einig, dass dieser Riesenstaudamm nur wenige Tage im Jahr Strom liefern wird, weil der Amazonas die restliche Zeit an dieser Stelle zu wenig Fließgeschwindigkeit habe.

 

Wir leben in einer Zeit, in der das Motto „Je größer, umso besser“ eigentlich schon längst obsolet geworden ist. Wir wissen alle aus Erfahrung, dass Riesenprojekte in ihrer Folgewirkung meist mehr Schaden als Nutzen stiften. Solche Überlegungen scheinen für Dr. Lochschmidt keine Rolle zu spielen, da er offensichtlich nur an die Aufträge an die Turbinenhersteller in Österreich und Deutschland denkt. Es geht ihm, wie es im Untertitel heißt, nur um „beste Geschäftsaussichten für österreichische Energie-Technologiefirmen“. Eine derart einäugige Form von Profitgier ist für uns in Zeiten wie diesen ethisch mehr als fragwürdig und wir hoffen, dass das nicht die grundsätzliche Haltung der WK darstellt.

 

Beleidigend ist für uns auch die absolut tendenziöse Darstellung des Engagements von Bischof Kräutler, der alles andere als ein grundsätzlicher Forschrittsverweigerer ist, sondern viel besser als Herr Dr. Lochschmidt weiß, warum er sich gegen diesen Bau wendet. Die ursprüngliche Ausdrucksweise war nämlich noch viel diffamierender und verrät umso mehr die Haltung Ihres Delegierten. Noch Ende November schreibt er vom „staatlich geehrten Talarträger“, der gegen alle Industrieprojekte wettere usw. Offensichtlich hat der Autor diese absolut geschmacklose Passage bereits selber geändert, aber auch das, was bleibt, ist genug. Schon der Ausdruck „Indianer und Vorarlberger“ in der Überschrift halten wir in diesem Zusammenhang nicht dem Niveau der WKO entsprechend.

 

Dr. Lochschmidt hat auch nie in Brasilien mit seinem Landsmann Kontakt aufgenommen, um ihn vielleicht selber zu fragen, weshalb er gegen diesen Großbau sei.

 

Bischof Kräutler steht seit über zwei Jahren unter täglichem Polizeischutz. Umso ärgerlicher sind deshalb diese öffentlichen Diffamierungen durch den österreichischen Handelsdelegierten, weil sie Wasser auf die Mühlen jener sein könnten, die auf den Bischof ein Kopfgeld ausgesetzt haben.

 

Die Wirtschaftskammer Vorarlberg haben wir Anfang Woche um eine Stellungnahme gebeten. Wir sind gespannt, wie lange dieser Artikel noch auf der Homepage der WKO stehen wird.

 

 

20.12.2009, 14.20 Uhr

Distanzierung von Präsident Rein

Empört über die Aussagen von Lochschmidt zeigt sich Vorarlbergs Wirtschaftskammer-Präsident Manfred Rein im ORF Vorarlberg-Interview: "Das ist eine unnötige Aussage. Vor allem steht es dem Herrn Handelsdelegierten nicht zu, dass er sich hier politisch einbringt. Das ist sogar nicht erlaubt."

Rein hat dem österreichischen Wirtschaftskammer-Präsidenten Christoph Leitl einen Brief geschrieben. Darin bittet er ihn um Aufklärung und um eine sofortige Klarstellung.

Bischof Kräutler sei ein Kämpfer für die Rechtlosen und setze sich dort ein, wo Hilfe notwendig sei, sagt Rein. Deshalb sei es für ihn unverständlich, dass sich Lochschmidt von einer gewissen Lobby vorantreiben lasse. "Das muss sofort eingestellt werden", fordert Rein.

Quelle: http://vorarlberg.orf.at/stories/410895/

 

 

21.12.2009, 19.00 Uhr

Lochschmidt entschuldigt sich bei Kräutler
Der österreichische Handelsdelegierte in Brasilien, Ingomar Lochschmidt, hat sich nach seiner verbalen Attacke per E-Mail bei Bischof Kräutler entschuldigt. Lochschmidt hatte Kräutler kritisiert, weil er Industrieprojekte verhindere.

Wirtschaftskammer: "Sache tut uns leid!"
Lochschmidt habe bereits versucht, sich telefonisch bei Kräutler zu entschuldigen, heißt es aus der Wirtschaftskammer. Da er ihn aber nicht erreicht habe, habe er ihm am Montagmittag eine Entschuldigungs-Mail geschrieben, so der Leiter der Außenwirtschaft Österreich in der Wirtschaftskammer, Walter Koren.

 

Sausgruber: "Das gehört abgestellt!"
Unterstützung für Kräutler kommt von Landeshauptmann Herbert Sausgruber (ÖVP). Er halte von Anwürfen wie jenen des Handelsdelegierten "weniger als nichts", so Sausgruber. Wenn Österreicher im Ausland eine Meinungsverschiedenheit haben, sollten sie diese im Tonfall zurückhaltend austragen. Laut Sausgruber sollten solche Entgleisungen "abgestellt" werden. Es sei nicht Sache eines offiziellen Vertreters der österreichischen Wirtschaft, in dieser Tonlage zu sprechen.

Egger: "Aussagen sind inakzeptabel!"
Auch für FPÖ-Vorarlberg-Landesobmann Dieter Egger sind die Aussagen Lochschmidts inakzeptabel: "So geht man nicht mit verdienten Seelsorgern um, die sich – so wie der Bischof – selbstlos für bessere Lebensbedingungen armer und hilfloser Menschen einsetzen."

Walser fordert Rücktritt
Grünen-Nationalratsabgeordneter Harald Walser bezeichnet die Haltung des Handelsdelegierten als ausschließlich an Profitinteressen orientiert, peinlich und unwürdig. Laut Walser wäre ein Rücktritt Lochschmidts die einzige angemessene Reaktion.

Quelle: http://vorarlberg.orf.at/stories/411203/

Besagter Artikel auf der Homepage der WKO wurde entfernt.

 

 

22.12.2009, 17.50

Außenminister wird tätig

Landeshauptmann Herbert Sausgruber bat gestern Außenminister Herbert Spindelegger darum, der brasilianischen Regierung klarzumachen, welche Bedeutung Kräutler zukommt. „Der Außenminister hat zugesichert, die Sorge um die Sicherheit des Bischofs zum Ausdruck zu bringen.“ Kräutler wird seit zwei Jahren auf Schritt und Tritt von zwei Leibwächtern begleitet. Sein Engagement für die Indios hat ihm in der Vergangenheit zweimal beinah das Leben gekostet. Jetzt, da er sich gegen das gewaltige Kraftwerksprojekt Belo Monte zur Wehr setzt, wurden neuerlich Morddrohungen gegen ihn laut. Gerade vor diesem Hintergrund könnten Lochschmidts Aussagen verheerende Folgen haben. Die Reaktionen in Vorarlberg fielen unisono hart und ablehnend aus. Sausgruber nannte Lochschmidts Worte „äußerst entbehrlich“. Sie seien „strikte abzulehnen“. Österreich müsse alles unternehmen, „um Kräutlers persönliche Integrität zu schützen“.

Quelle: http://www.vol.at/news/vorarlberg/artikel/rueckenwind-fuer-kraeutler/cn/news-20091222-10212979

 

Stellungnahme von Bischof Elmar Fischer

Aufgrund des gestrigen Autounfalles nimmt Bischof Elmar Fischer erst heute zur Kritik an Bischof Erwin Kräutler Stellung:

"Bischof Erwin Kräutler hat sich sein Leben lang an die Seite der Ärmsten der Armen gestellt. In einer Situation großer gesellschaftlicher Ungerechtigkeit ist er damit ein treuer Zeuge des Evangeliums Jesu Christi. Jesus war immer und in jeder Situation parteiisch für die Schwächeren.

Nun wird Bischof Kräutler kritisiert, weil er verantwortlich sei für Verzögerungen beim Bau eines Staudamms, der die Lebensgrundlage von vielen Menschen am Xingu-Fluss zerstören würde und negativste ökologische Auswirkungen hätte. Diese Kritik ist der Auswuchs eines Denkens, das das Wohl der Menschen gänzlich aus dem Blick verloren hat. Wir müssen uns fragen, besonders jetzt zur Weihnachtszeit, ob Materialismus und Gewinnmaximierung jeden Preis rechtfertigen."

Quelle: http://www.kath-kirche-vorarlberg.at/organisation/internet-redaktion/artikel/handelsdelegierter-attackiert-bischof-kraeutler

 

Es hat in den letzten Tagen erfreulicher Weise eine sehr breite Solidarität mit Bischof Kräutler gegeben, unzählige Briefe, Mails und Stellungnahmen. Dr. Lochschmidt hat sich zumindest für Formulierungen und Missverständnisse entschuldigt. Sein Artikel ist von der Homepage der WKO entfernt worden. Bischof Kräutler selber wird bis Jänner unterwegs und weder telefonisch noch per Mail erreichbar sein.

 

Wir wünschen ihm von ganzem Herzen ein geruhsames, beschütztes und gesegnetes Weihnachtsfest!

 

 

23. Dezember 2009

Pressemitteilung von Bischof Kräutler 

Die Kritik an meinem Einsatz gegen das geplante Wasserkraftwerk Belo Monte, veröffentlicht auf der Webplattform einer österreichischen Interessensvertretung, hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Ein diesbezügliches Gespräch erfolgte in gegenseitigem Respekt und Hochachtung.

Ich bitte von weiteren Protestaktionen Abstand zu nehmen, denn sie konzentrieren sich zunehmend auf meine Person und lassen den Zusammenhang mit dem Wasserkraftwerk Belo Monte nahezu außer Acht.

Über den Xingu, die Entwicklung des Projekts Belo Monte, den Einsatz der indigenen Völker in diesem Kontext habe ich unter dem Titel „Herr, sie zertreten dein Volk, sie unterdrücken dein Erbteil“ (Ps 93 [94],5) unsere Bedrängnis dargestellt, der im Buch „ROT WIE BLUT DIE BLUMEN Ein Bischof zwischen Leben und Tod“, Otto Müller Verlag (2009), S. 81-108, veröffentlicht ist.
Eine Leseprobe finden Sie auf der Plattform Belo Monte. http://plattformbelomonte.blogspot.com

Ich hoffe, dass sich möglichst viele Menschen für die Berichte, Fakten und Stellungnahmen interessieren und auf diesem Hintergrund ihr Bewusstsein schärfen für solidarisches Handeln und für Veränderungen.

Es ist mir ein Anliegen, dass Weihnachten für uns alle erlebbar wird.
Die Menschwerdung Gottes will sich in der Welt,
aber auch in unseren Familien ereignen.

An Weihnachten stimmen wir ein Loblied an und preisen Gott


für seine zärtliche Liebe,

die er uns schenkt, in der Herrlichkeit seiner Schöpfung;

 

für seine unendliche Güte,

denn er ist Mensch geworden, damit wir das Leben haben;

 

für seine befreiende Botschaft,

die Licht ist und Hoffnung auf unserem Weg.

 

Die Schöpfung vor Zerstörung schützen,

das Leben gegen Angriffe verteidigen

und Frieden stiften, als Frucht der Gerechtigkeit,

das ist die Anbetung, die Gott gefällt.

 

Erwin Kräutler

Bischof vom Xingu

Präsident des CIMI (Indigener Missionsrat)